EU-Studie zur Internet-Piraterie bis heute nicht veröffentlicht

Update | Eine von der Binnenmarkt-Direktion der EU-Kommission in Auftrag gegebene Studie über die Auswirkung der Internet-Piraterie wurde bis heute nicht veröffentlicht. Sie brachte „offenbar nicht das gewünschte Ergebnis“, munkeln deutsche Onlinemedien.
Aufgedeckt wurde die Angelegenheit von der deutschen EU-Abgeordneten Julia Reda (Piraten/Grüne Fraktion). Die streitbare Piraten-Abgeordnete stellte am 27. Juli 2017 eine Informationsfreiheitsanfrage an die EU, nachdem sie von der öffentlichen Ausschreibung für diese Studie im Jahr 2013 Kenntnis erhalten hatte. Die über 300-seitige Studie mit dem Titel „Estimating displacement rates of copyrighted content in the EU“ (Kosten 360.000 Euro) wurde der Kommission im Mai 2015 übergeben, aber nie veröffentlicht, berichtet Reda auf ihrer Website. Nun im Besitz der Studie hat die EU-Abgeordneten sie zum Download ins Internet stellen lassen.
Als Grund für die Nichtveröffentlichung der Studie vermutet Julia Reda das Vorhaben der EU-Kommission zur Einführung von Upload-Filtern auf Online-Plattformen als Maßnahme gegen Urheberrechtsverletzungen (siehe zuletzt News vom 21. September 2017). Denn die Studie über die Verdrängung legaler Mediennutzung durch Internet-Piraterie brachte „offenbar nicht das gewünschte Ergebnis“, schreibt Leonhard Dobusch bei netzpolitik.org.
„Als zentrale Schlussfolgerung nennen die StudienautorInnen um Martin van der Ende, dass sich keine statistisch nachweisbaren Verdrängungseffekte zwischen illegalen und legalen Angeboten feststellen lassen“, so Dobusch. Einzige Ausnahme seien aktuelle Blockbuster-Filme, bei denen laut Studie zehn illegale Nutzungen zu durchschnittlich vier Kinobesuchen weniger und damit insgesamt zu 5 Prozent niedrigerem Umsatz führten.
Zur Untersuchung der Piraterie-Folgen für legale Angebote wurden die vier Branchen Musik, Film/Serien, Bücher und Videospiele in den sechs EU-Mitgliedsstaaten Deutschland, Frankreich, Polen, Spanien, Schweden und Vereinigtes Königreich vergleichend untersucht. Für die Studie wurden im September und Oktober 2014 mit rund 5.000 Teilnehmenden pro Land online befragt, also insgesamt knapp 30.000 Menschen.
Update | Über Reaktionen auf die Nichtveröffentlichung der Studie berichtet heise online. So habe eine Sprecherin der EU-Kommission gegenüber dem Onlinedienst versichert, dass die Kommission „nichts absichtlich verberge“. Überdies stelle die Studie „nirgendwo“ den Verdrängungseffekt von Raubkopien in Frage. „Die relevantesten Ergebnisse der Studie kommen an dem Beispiel der Top-100-Blockbuster-Filmen in sechs Ländern zu dem Schluss, dass fast die Hälfte (40 Prozent) der illegal angesehen Filme rechtmäßige Verkäufe generiert hätten, wären der illegale Inhalte nicht online gewesen“, zitiert Autorin Christiane Schulzki-Haddouti die Sprecherin. Die anderen Ergebnisse der Studie seien „statistisch nicht beweiskräftig“. Dem habe die Europaabgeordnete Julia Reda, die die Studie veröffentlichen ließ widersprochen.

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